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Recht auf Arbeit oder
Abschaffung der Lohnarbeit?

Perspektivisch sind die Linken sich einig: Mit der Überwindung des Kapitalismus geht es auch um die Überwindung der Lohnarbeit. Worüber es keine Einigkeit gibt ist die Frage, ob die Forderung nach Recht auf Arbeit (heute noch) in den Klassenauseinandersetzungen sinnvoll ist oder ob die Forderung nur sofort und unmittelbar lauten kann: Abschaffung der Lohnarbeit.

Hierzu gibt es (mindestens) zwei Positionen, die auf der Rückseite kurz dargestellt werden.

Um über diese Frage in die Diskussion zu kommen laden, wir zu einem Streitgespräch ein mit Manfred Sohn, Mitglied des Parteivorstands der DKP und langjähriges Betriebsratsmitglied und Ansgar Knolle-Grothusen, Mitglied der DKP Hamburg und der Programmkommission beim Parteivorstand der DKP, aktiv im Offenen Kommunistischen Forum, sowie Redakteur der Zeitschrift “Kommunistische Streitpunkte”.

Diskussion mit

Ansgar Knolle-Grothusen,
DKP, Offenes Kommunistisches Forum

Manfred Sohn,
Parteivorstand der DKP

Samstag, 18. November 2000, 15 Uhr
Buchladen Le Sabot, Breite Str. 76

Bonn / Rhein-Sieg






Recht auf Arbeit oder
Abschaffung der Lohnarbeit?

Zwei Positionen:
 
Die Forderung nach Recht auf Arbeit ist ein wichtiges Mittel in den Klassenauseinandersetzunge im Kapitalismus

Die Forderung nach Recht auf Arbeit ist im Kapitalismus eine Forderung nach Recht auf Lohnarbeit, insofern systemimmanent. Dennoch ist sie eine wichtige Forderung in den Klassenauseinandersetzungen, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Die Forderung nach einem Recht auf Arbeit muss eng verbunden sein mit den Kämpfen für  Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohn- und Personalausgleich und mit Kämpfen für höhere Löhne. Es muss deutlich werden, dass mit dem Recht auf Arbeit das Recht auf menschenwürdige, tariflich bezahlte und sozial abgesicherte Arbeit gemeint ist - nicht ABM-Maßnahmen mit Lohndumping oder gar Zwangsarbeit für SozialhilfeempfängerInnen. Unter diesen Voraussetzungen ist die Forderung in verschiedener Hinsicht sinnvoll:

  • Je kürzer die Arbeitszeit und je höhere die Löhne desto geringer die Zahl der Dauerarbeitslosen. Solange die Kräfte nicht gegeben sind, das kapitalistische System zu überwinden, kann so aber die Lage der Lohnabhängigen verbessert werden und gleichzeitig ein Beitrag zur Verschiebung des Kräfteverhältnisses geleistet werden.
  • Lohnarbeit bedeutet Ausbeutung, sie bedeutet aber auch Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion und damit Handlungs- und Einflussmöglichkeiten (Arbeitskämpfe). Auch deshalb muss den klassenbewussten Kräften auch daran liegen, zu verhindern, dass immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess hinausgedrängt werden. Auch in dieser Hinsicht ist die Forderung und der Kampf um ihre (teilweise) Durchsetzung ein Beitrag zur Verschiebung des Kräfteverhältnisses.
  • Wie auch bei anderen Forderungen (Wohnraum, Bildung, Umwelt) werden hier schnell die Grenzen des Systems deutlich, zur Forderung nach Abschaffung des Kapitalismus und Abschaffung der Lohnarbeit ist es nicht weit. Es kann also nicht darum gehen, auf diese Forderung - oder gar auf alle Reformforderungen - zu verzichten, sondern sie mit Forderungen nach einer Systemalternative - und somit der Aufhebung der Lohnarbeit -  zu verbinden.
Nicht Arbeitslosigkeit bildet den Grund den Kapitalismus abzuschaffen, sondern die Lohnarbeit

Je weniger es der lebendigen Arbeit bedarf, um die Güterproduktion im Kapitalismus zu gewährleisten, je mehr Menschen also aus der Lohnarbeit scheinbar ausgegrenzt werden, um so lauter ertönt der Ruf nach ihrer Rettung. Ein breites Bündnis von Sozialdemokraten, Christen, Liberalen, Gewerkschaften und Nazis kennt nur eine Forderung: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und die DKP forderte zur Landtagswahl: Arbeit statt Profit!

Dies ist eine Drohung. Denn „das System der Lohnarbeit (ist) ein System der Sklaverei, und zwar einer Sklaverei (...), die im selben Maß härter wird, wie sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit entwickeln, ob nun der Arbeiter bessere oder schlechtere Zahlung empfange.“ (Karl Marx, MEW 19, S. 26).
Zum normalen Geschäftsgang des Kapitals gehört eine Reservearmee von Arbeitslosen, die die Löhne niedrig hält, ebenso wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger zwecks Disziplinierung der Arbeitslosen und der Arbeitenden. Die für immer weniger Lohn durch ihren Arbeitstag gehetzten, werden mit der Drohung von Arbeitslosigkeit und ABM-Zwangsarbeit zusätzlich diszipliniert.

Zu propagieren, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen ohne den Kapitalismus abzuschaffen, ist eine gefährliche Phrase, die nicht nur zwangsläufig ihr Ziel verfehlen muss, sondern, indem sie vom eigentlichen Skandal, der Lohnarbeit, ablenkt, sich in die Front der Verteidiger des Kapitalismus einreiht, die Illusionen über dieses System nicht zerstört sondern verstärkt und das Massenbewusstsein in seinem Denkkäfig belässt: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Erstmals besteht historisch weltweit die Möglichkeit, aufgrund der Entwicklung und Vernetzung der weltweiten gesellschaftlichen Produktivkräfte, der Kommunikations- und Transportmittel, der Maschinerie und der Kooperation der Klasse der Arbeitenden, die gesellschaftliche Produktion und Verteilung so einzurichten, dass für alle ihre Mitglieder der wirkliche Reichtum zum tragen kommt und dieser ist die frei verfügbare Zeit (Marx), über die ein Individuum zu verfügen hat. Dazu gehört grundsätzlich nur ersteinmal eine Voraussetzung:

Die Aufhebung der Lohnarbeit, die Abschaffung des Lohnsystems überhaupt. 

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