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Kommunismus, Sozialismus, Klassenlose Gesellschaft – wider die Verwirrung der Begriffe

Thesenpapier für die Mitgliederversammlung der DKP Bonn/Rhein-Sieg am 24.08.2000

Michael

(siehe auch: Thesen zur Sozialismus-Thematik)

1. Was ist Kommunismus, Sozialismus

Bei Marx und Engels ist der Kommunismus zum einen Begriff für die Aufhebungsbewegung der kapitalistischen Klassengesellschaft.

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (MEW 3, S. 35)

Die verschiedenen Varianten des „Sozialismus“ („feudaler Sozialismus“, „kleinbürgerlicher Sozialismus“, „`wahrer´ Sozialismus“, „doktrinärer Sozialismus“ ...) werden stets kritisiert. Die Ausnahme bildet der proletarisch-revolutionäre Sozialismus, der Kommunismus.

„[...] gruppiert sich das Proletariat immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus, [...]. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, [...]“. (MEW 7, S. 89)

[Und wer jetzt denkt, da haben wir ihn (Durchgangspunkt), sollte noch einmal genau lesen (Sozialismus = Kommunismus; permanente Revolution).]

Zum anderen ist er der theoretische Ausdruck der revolutionären Arbeiterbewegung.

2. Kommunistische Gesellschaft

Für die Gesellschaftsform der Zukunft, verwandten Marx und Engels unterschiedliche, synonyme Begriffe: „kommunistische Gesellschaft“, „klassenlose Gesellschaft“, „sozialistische Gesellschaft“. (Zum Nachlesen z.B. MEW 19, S. 20; MEW 28, S.508; MEW 19, S. 7)

3. Die revolutionäre Übergangsperiode

Tatsächlich ergeben sich mit Notwendigkeit bestimmte Verlaufsformen, die zur Negation des Kapitalismus führen.
"Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren." (MEW Bd.4, S. 481)

"Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.
An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." (MEW Bd.4, S. 482)

Und:

"Zwischen der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats." (MEW Bd.19. S.28)

Es findet also zweierlei statt, die Eroberung zunächst der politischen Macht, die zur Eroberung der ökonomischen Macht benutzt wird. Beides zusammen bildet die revolutionäre Übergangsperiode zwischen kapitalistischer und kommunistischer Gesellschaft, die „Revolution in Permanenz“ (s.o.).

Dann unterscheiden Marx und Engels zwei Phasen des Kommunismus. Eine erste Phase, in der zwar bereits das Wertgesetz aufgehoben ist, der Austausch jedoch noch nach einem Äquivalent, nämlich dem der verbrauchten Arbeitszeit erfolgt. (Ebenfalls: Kritik des Gothaer Programms). In der zweiten Phase folgt dann alles, was wir so gern zitieren (morgens fischen, abends philosophieren usw.).

Aber: bereits in der ersten Phase ist das Wertgesetz, damit die Marktwirtschaft und die Lohnarbeit aufgehoben.

4. Die Liquidation des revolutionären Charakters der Übergangsperiode

Mit der Beschränkung der Bestimmung der Übergangsperiode auf den Akt der politischen Machtergreifung des Proletariats und der Einführung einer „sozialistisch“ genannten Zwischengesellschaft, die alle Charakteristika der Übergangsperiode kennt, außer der einen, deren revolutionären Charakter, erfolgt eine Revision des Marxismus! Aus Revolution wird Evolution.

Manifest wird diese Revision mit der 14. Parteikonferenz der KPdSU  (Aufbau des Sozialismus in einem Lande), internationaler Standard spätestens mit dem VII. Weltkongreß (Referat des Gen. Manuilski).

5. Etwas Zucker aus unseren Parteidokumenten

„Auf dem Weg zum Kommunismus ist der Sozialismus die historische Übergangsperiode zur neuen Gesellschaft.“ (Statut, S. 1)

„Diese historische Alternative ist der Sozialismus als erste Phase der kommunistischen Gesellschaft.“ (Thesen, S.22)

Was nun, Genossinnen? Übergangsperiode oder erste Phase?

6. Zusammenfassung

Sozialismus und Kommunismus sind identische Begriffe, die zum einen die Aufhebungsbewegung der herrschenden Zustände, das revolutionäre Proletariat bezeichnen, zum anderen, meist versehen mit der Ergänzung „wissenschaftlich“ oder „kritisch“, deren theoretischen Ausdruck. Die Begriffe „sozialistische Gesellschaft“, „kommunistische Gesellschaft“ oder „klassenlose Gesellschaft“ bezeichnen Synonym die den Kapitalismus ablösende Gesellschaftsformation. Dazwischen liegt eine Übergangsperiode der politischen und ökonomischen Revolution.

7. Randbemerkung

„Wenn die modernen Marxisten fast alle Eigenschaften der (vorsozialistischen!) revolutionären Übergangsperiode in die (nachrevolutionäre) erste Phase der klassenlosen sozialistisch-kommunistischen Gesellschaft hineinprojizieren, dann projizieren sie damit auch den Weg in das Ziel hinein. Das Ziel wird damit theoretisch und programmatisch vom Weg liquidiert. Der (ziellos gewordene) Weg ersetzt damit das fehlende Ziel.
Die modernen Kommunisten sind damit genau dort angekommen, wo der alte Revisionist Eduard Bernstein die alten Sozialisten schon immer hinhaben wollte!“ (Vollrat Neumann)

Benutzte Literatur:

Brendel, Cajo: Kritik der Leninschen Revolutionstheorie; Braunschweig 1958. Hier nach der Onlineversion;
Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang; Nachdruck, hgv. Kommunistischer Arbeiterbund Deutschlands (KABD), 4. Aufl. 1973; besonders Kapitel IX, Abschnitt 5.: Die Sowjetunion gegen Ende der Wiederherstellungsperiode. Die Frage des sozialistischen Aufbaus und des Sieges des Sozialismus in unserem Lande. Die „neue Opposition“ von Sinowjew-Kamenew. Der XIV. Parteitag. Der Kurs auf die sozialistische Industrialisierung des Landes;
Knolle-Grothusen, Ansgar: Beitrag auf der DKP-Parteikonferenz am 12.04.97 in Hannover zum 1. Entwurf der Sozialismusvorstellungen der DKP;
Ders.: Zur historischen Entwicklung des Sozialismusbegriffs; Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Aktuelle Kapitalismus- und Sozialismuskritik in Deutschland“, Hamburg 23.04.98. Veranstalter: AStA der HWP und MASCH Hamburg. Ungedrucktes Manuskript;
Ders.: Warenproduktion und Markt in einer sozialistischen Gesellschaft? Kritische Anmerkungen zum Beitrag von Juri Pletnikow in der UZ vom 20.11.98; in: Kommunistische Streitpunkte. Zirkularblätter. Nr. 5. 10.05.2000. Onlineversion;
Neumann, Vollrat: Warenproduktion und Markt in einer sozialistischen Gesellschaft ? Aber nur ohne Marx und Engels! in: Kommunistische Streitpunkte. Zirkularblätter. Nr. 5. 10.05.2000. Onlineversion;
Manuilski, D.S.: Der Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion und seine Weltgeschichtliche Bedeutung; in: VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Referate und Resolutionen;; Frankfurt (M.) 1975; S. 251 – 297;
Marx, Karl / Engels, Friedrich: Die Deutsche Ideologie; MEW 3; S. 9 – 530.
Marx, Karl: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 – 1850; MEW 7; S. 9 - 107
Marx, Karl / Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei; MEW 4; S. 459 - 493
Marx, Karl: Kritik des Gothaer Programms; MEW 19; S. 11 - 32
Statut der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP): Beschlossen auf dem 12. Parteitag der DKP 16. / 17. Januar 1993, Mannheim
Thesen zur programmatischen Orientierung der DKP: Beschlossen vom Mannheimer Parteitag 1993

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